Subversion für Fortgeschrittene

Der Kynismus ist eine Strömung der antiken Philosophie mit zwei Schwerpunkten: ethischer Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit. Kyniker sind bissige Typen, subversive Individualisten. Diogenes (404 – 323 v.Chr.), den Erz-Kyniker, darf man sich ungefähr so vorstellen: Er inszeniert sein Leben als Kauzigkeits-Performance und öffentliches Ärgernis. Er nimmt grundsätzlich kein Bad und trägt Lumpen (wenn überhaupt was). Er ist ein Herumtreiber ohne festen Wohnsitz, nur manchmal richtet er sich in einer Holztonne ein. Die Leute geben ihm den Spottnamen „kynikos“, was „wie ein Hund“ bedeutet“. Er nimmt das als Ehrentitel, weil er um die herumschwänzelt, die ihm etwas geben; und jene anjault und auch schon mal beißt, die ihm nichts geben. Er begibt sich regelmäßig Ins Theater, aber immer erst, wenn die Vorstellung schon zu Ende ist. Als Alexander der Große ihn fragt: „Kann ich was für dich tun?“ antwortet er: „Geh mir aus der Sonne!“ Er schreitet mit einer Laterne in der Hand über den Markt von Athen, leuchtet den Menschen ins Gesicht, schüttelt den Kopf, trottet weiter, solange, bis einer ihn fragt, was er am hellichten Tage mit seiner Laterne wolle. „Ich suche einen Menschen!“ Er ist der Erste, der sich „Weltbürger“ nennt und sich dabei einen abgrinst. Auf einem Fest wirft ein Mann ihm, dem anarchistischen Hundephilosophen, einen Knochen zu. Diogenes pinkelt ihm dafür ungeniert ans Bein. 

Kyniker sind Künstler der Asozialität.

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