Der Überbelichtete

„Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“ trauert Elfriede Jelinek, als sich Christoph Schlingensief, das „große schreckliche Kind“, gerade existentiell verausgabt hatte. Schlingensief,  der Animateur und „Regisseur von Themen“ setzt sich in seinem Künstlerleben stets voll aufs Spiel, ohne Rücksicht auf Familie, Freunde, Scham, Angst, sich selbst; so schafft er immer neue, unbeherrschbare Situationen (Peter Slotherdijk nennt ihn deshalb „den einzigen Situationisten, der je von deutschem Boden aus operierte.“). Er drückt sich durch verschiedene Genres, Institutionen und Medien aus – durch Trashfilme und -TV-Formate, Theaterhappenings, Drehbühnen-Installationen. Typisch Schlingensief auch: wie er die Wagneroper „Parsifal“ mit toten Hasen, behinderten Freunden und Afrikakunst überblendet. Sein letztes Projekt, das Buch „Ich weiß, ich war’s“,  sammelt Geschichten und Impressionen aus seinem Leben, von ihm selbst in seinem letzten Jahr erzählt und später transkribiert. Darin erklärt er, wo das alles herkommt: seine Obsession für Überblendungen, Irritationen, Transformationen. Als Urszene seines Lebens beschreibt er einen Super-8-Filmabend 1968 im Oberhausener Wohnzimmer der Apothekerfamilie Schlingensief. Es läuft das Werk „Norderney-Urlaub“: „Ich sehe, wie meine Mutter und ich am Strand liegen – aber über unseren Bauch laufen plötzlich Leute. Das heißt, irgendwelche anderen Personen laufen über uns drüber bzw. durch uns durch.“ Der achtjährige Christoph ist total geflasht. Und das Bild der doppelbelichteten Bäuche fällt ihm später immer wieder ein, wer er darüber nachdenkt, was ihn im Leben und in der Kunst angetrieben hat. „Man wird nicht der, der man sein wollte, man kann es gar nicht werden, weil die Unschärfe ins Spiel kommt und man permanent neu belichtet wird.“ 

Bukowski ist 100

„Am College hatte ich mal aus Verlegenheit einen Kurs in Creative Writing belegt. Das waren Schwuchteln, Baby. Alberne, affektierte, lapprige Wundertiere. Sie schrieben Gedichte über allerliebste Spinnen und Blumen und Sterne und Familienpicknicks. Verglichen mit diesen Schlaffis waren die Girls im Kurs die reinsten Bierkutscher, aber ihre Schreibe war genauso mies. Der Dozent hockte im Schneidersitz auf einem gehäkelten Teppich, die Augen glasig vor Dummheit und Apathie, und sie versammelten sich um ihn und himmelten ihn an, die Weiber mit weiten weheneden langen Röcken und die Jünglinge mit ihren verkniffenen kleinen Ärschen, die vom letzten Besuch in der Sauna noch nachzitterten. Sie lasen sich ihre Verse vor und kicherten und nölten rum und tranken Tee und aßen Plätzchen dazu. Ja, lacht ihr nur. Ich kam erst gar nicht dazu. Ich saß alleine an der Wand, hohläugig und verkatert, und kämpfte mit dem Schlaf. „Bukowski“, fragte eines Tages der Dozent, „warum sagen Sie nie etwas? Was denken Sie?“ „Alles Stuss“, sagte ich. „Seit Monaten höre ich hier nichts als Stuss.“ Und das war das beste Gedicht des ganzen Semesters.“ (Aus:  Ein schlampiger Essay über das Schreiben und das verfluchte Leben, Maro Verlag)

Bukowski wird 100, es gibt Bohnen mit Knoblauch

„„Ich kam aus dem Krankenhaus und fing an, Gedichte zu schreiben. Keine Ahnung, warum. Hatte einen Magendurchbruch gehabt. Vielleicht hat es damit zu tun.“ Das war 1955. Für Leute, die einen ausgeprägten Sinn für Illusionen haben, ist es gewiss etwas anstrengend, mit Charles Bukowski umzugehen. Es ist auch nicht gerade das Leben eines kultivierten Mitteleuropäers, das sich in diesen Gedichten spiegelt. So wenig wie der uns geläufige „American way of life“. Aber man muss nicht jahrelang Nachtdienst bei der Post gemacht haben, man muss nicht Außenseiter sein, nicht Alkoholiker, ja nicht einmal Mann, um von der Ehrlichkeit, der Trauer und der Komik Bukowskis berührt zu werden. Seine Texte treffen und betreffen uns immer wieder direkt und unmittelbar. Er ist brutal, zersetzend, melancholisch und amüsant.“ Sagt Carl Weissner, der Bukowskis Gedichte ins Deutsche übersetzt hat, auch das hier:

Bohnen mit Knoblauch

Es ist schon wichtig, dass du
aufschreibst, wie dir zumute ist
es ist besser, als wenn du dich
rasierst oder dir Bohnen mit
Knoblauch machst. Es ist das Wenige,
was wir tun können, diese kleine
bisschen Mut, uns klar zu werden
über uns selbst, und natürlich
liegt auch Wahnsinn und Angst
in diesem Wissen,
dass ein Teil von dir
ein Uhrwerk ist, das einmal
stehenbleibt und nicht mehr
aufgezogen werden kann.
Doch jetzt
tickt es noch unter deinem Hemd,
und du rührst die Bohnen um
mit einem Löffel…
eine Geliebte tot, eine andere fort,
eine andere…
ah! so viele Geliebte wie Bohnen,
ja, zähl sie mal alle auf –
traurig, traurig,
wie deine Gefühle ver-
brutzeln auf dem Herd.
Schreib das auf.

Mentalgymnastische Übungen

„How to Think Like Shakespeare“ presents the early modern grammar school as a pedagogical environment characterized by active, rather than passive, learning. Newstok invokes one of the period’s key instructional texts, Richard Rainolde’s The Foundacion of Rhetorike (1563), which derived from the ancient Greek rhetorician Aphthonius’s Progymnasmata. The etymology of this word — from the Greek for “preparatory exercises” — gives the sense of its instructional method, what Newstok calls “a regimen of mental gymnastics.” In his account, an early modern education based on these sorts of manuals gave students “practice in curiosity, intellectual agility, the determination to analyze, commitment to resourceful communication, historically and culturally situated reflectiveness, the confidence to embrace complexity.” To some degree, Newstok paints a picture of a culture that allowed learning for learning’s sake; yet the goal of these kinds of exercises was the development of linguistic skill that would, ultimately, be useful in any future vocation. “This was verbal training for careers,” Newstok tells us, “whether in the church, the court, or the market.” Via LARB

So hätte es sein können, Anthony

Im Juli 2005 wird Anthony Walker bei einem rassistischen Angriff in einem Park in Liverpool ermordet. Er ist gerade 18. Inspiriert durch Gespräche mit Gee Walker, Anthonys Mutter, über den Jungen, der Anthony war, und den Mann, der er werden sollte, erzählt das BBC-Drama Anthony“ die Geschichte des Lebens, das er hätte leben können. Der Story-Clou dabei: Anthonys imaginiertes Leben wird in umgekehrter Chronologie erzählt. Wir treffen ihn, als er 25 ist, und arbeiten uns von dort rückwärts vor. Wir sehen, wie er seine Träume verwirklicht und das Leben genießt, bis zum Augenblick, als die Fiktion endet und die biografische Wahrheit uns voll trifft: Zwei von Hass besoffene Männer verfolgen ihn von einer Bushaltestelle aus in einen Park und erschlagen ihn dort mit einem Eispickel.
Jimmy McGovern, Autor von „Anthony“, erzählt, wie er auf die Idee kam:
„I’d been thinking about the First World War, about how the powers-that-be kept everybody fighting right up to the eleventh hour of the eleventh day of the eleventh month. Even though everyone knew the war was over they kept on fighting and between dawn and eleven o’clock on the eleventh day, thousands died. I would argue that every single death in the First World War was pointless but those that occurred on that final day were the most pointless of all.
I kept asking myself, “How many of those men who died that day would have achieved great things had they lived? Discovered a cure for a virus perhaps, written a great book, painted a beautiful picture?” That got me thinking about Anthony’s hopes and dreams. Had he lived, would he have achieved them? That question lies at the very heart of this drama.“
Mehr hier.

Schmeichler, Schwätzer, Freund des Pöbels

Vom griechischen Denker, Botaniker und Aristoteles-Schüler Theophrast ist nur ein Werk vollständig überliefert, die „Charaktere“. In prägnanten Skizzen typologisiert er dreißig männliche Charaktere, darunter den Gerüchtemacher, den Schmeichler, den Schwafler, den Schwätzer, den Knickrigen, den Oligarchen und den unzeitgemäßen Mann. Die Schrift war in der Antike so beliebt, daß man sie als das „Goldene Büchlein“ bezeichnete. Auch interessant für ambitionierte Storyteller von heute. theparisreview.org

Cancel Culture, hä?

Cancel Culture zerstört den Liberalismus. Nee, Cancel Culture gibt es gar nicht. Oh doch, sie hat schon immer existiert; haben nicht schon Brutus und Cassius Julius Cäsar einfach gecancelt? Ja, sie existiert, aber es sind nur ein paar reiche Promis, die sich darüber beschweren, dass die Leute ihnen endlich auf Twitter antworten können. Nein, so was existiert nicht, außer wenn es gut ist und die Gecancelten es verdient haben. Ein kompliziertes Phänomen also, das hier elegant auf zehn pauschale Behauptungen zusammendampft wurde. Via NYT

Tage des Übens

Peter Sloterdijk sagt: Der Mensch ist das Wesen, das auf sich selber einwirkt, an sich selber arbeitet, an sich selber Exempel statuiert; das sich in Askesen und Übungen selbst erschafft, formt, steigert. Die Geigerin Hillary Hahn ist ein ganz besonderes Übewesen. 2017 veröffentlichte sie ein Instagram-Video mit der Überschrift „#100daysofpractice“. Die Idee: Hundert Tage lang würde sie täglich ein Video von sich selbst beim Üben einstellen und anderen Musikern zeigen, wie sie sich auf Auftritte vorbereitet. An einem Tag spielte Hahn eine Reihe langsamer, präziser Doppelgriffe aus Robert Schumanns Klavierquartett, an einem anderen Tag die eher athletischen Parts aus Felix Mendelssohns Violinkonzert. Der hashtag löste eine Art Revolution aus: Innerhalb von drei Jahren entstanden Tausende von Instagram-Praxisberichten, in denen Musiker – von hochkarätigen Profis bis hin zu Mittelschülern – täglich Clips von sich selbst beim Üben veröffentlichen.
Eine neue Möglichkeit für Musiker, sich selbst über konsistentes, produktives Üben Rechenschaft abzulegen und Feedback von anderen Musikern zu erhalten. Das Üben, für Musiker traditionell eine total einsame Angelegenheit (einzige Gesellschaft: Metronom und Stimmgerät), ist nun zu einer eigenen Art der Aufführung und des Feedbackfestivals geworden. Via The New Yorker

Einschränkungen als Kreativitätstreiber

In Zeiten der multiplen Restriktionen lohnt sich Lars von Triers „The Five Obstructions“ ganz besonders. Kurz zum Hintergrund: 1967 hatte Jørgen Leth den Kurzfilm Der perfekte Mensch produziert – einen Essay über die Konstruktion des modernen Funktions- und Konsummenschen. Ein elegantes, zwölfminütiges Meisterwerk. von Trier verehrt diesen Film und seinen Macher. Er überredet Leth nun, fünf Remakes davon zu produzieren – nach Regeln, die er, von Trier, mit perfider Freude am Dogma aufstellt. Jede dieser Regeln beinhaltet konzeptionelle und formale Erschwernisse, die Leth kreativ überwinden muss. Mal muss Leth den Film in Kuba neu drehen, ohne Set und mit der Auflage, dass keine Aufnahme länger als zwölf Bilder dauern darf; mal muss er den Film am schlimmsten Ort der Welt (Bombay) neu drehen, darf diesen Ort aber nicht auf der Leinwand zeigen; mal muss er sein Original zum Zeichentrickfilm machen (Leth hasst Zeichentrickfilme). Ist ein Film fertig, treffen sich die beiden Regisseure, schauen sich das Werk bei Wodka und Kaviarschnittchen gemeinsam an – und von Trier bewertet die Remakeaufgabe als bestanden; oder nicht bestanden. Glasklar wird: Die auferlegten Hemmnisse wirken auf Leth gar nicht einengend, im Gegenteil: Sie feuern seine Imagination und handwerkliche Brillanz an bzw. setzen sie frei. Es entstehen Remakes als komplett originelle, neue Werke. Folgen wir von Trier und Leth (zumindest hierin): Reagieren wir auch auf die krassesten Zumutungen interessiert, wach und mit hintervotziger Gelassenheit.